Stefan Lövgren:
Handball-Legende als Botschafter des FINAL4
Der Schwede Stefan Lövgren, der 2009 seine zwei Jahrzehnte andauernde Karriere als aktiver Handballspieler beendete, ist EHF-Botschafter für das EHF Champions League FINAL4. In dieser Rolle wird er also nicht mehr ins sportliche Geschehen eingreifen. Vielmehr wird Stefan Lövgren, der die Champions League seit ihrem Bestehen auf höchstem Niveau prägte wie nur wenige weitere Handballer, repräsentative Aufgaben übernehmen und dem neuen Top-Event im Handball-Kalender ein sympathisches Gesicht verleihen.
Stefan Lövgren im Interview
Mit Blick auf die Premiere in der LANXESS arena Köln erklärt Stefan Lövgren im Interview, warum ihn das EHF Champions League FINAL4 begeistert.
Stefan, freuen Sie sich auf das erste FINAL4 der Champions League?
Ja, und wie! Es hat zwar jetzt eine Saison in der Champions League begonnen, die sicher sehr interessant wird, aber vor allen Dingen erwarten ja alle schon jetzt mit großer Spannung, welche Teams ins FINAL4 einziehen und wie dieses Wochenende wird.
Wären Sie im FINAL4 nicht selbst noch einmal gerne aktiv?
Dafür ist es jetzt leider zu spät, ich habe meine Karriere beendet. Aber ich bin ja als Botschafter dabei und habe auf diese Weise engen Kontakt zu allem, was das Turnier betrifft. Als aktiver Profi hätte ich die Stimmung beim FINAL4 zwar wahrgenommen und genossen, aber man muss sich immer zu hundert Prozent auf den Sport konzentrieren und kann vieles, was rundherum geschieht, nicht richtig wahrnehmen. Jetzt freue ich mich darauf, alles mitnehmen zu können – tollen Sport und zusätzlich das ganze Programm.
Sie haben – bei allen weiteren Titeln – die Champions League nur ein Mal gewonnen, im Jahr 2007…
…sonst hätte ich meine Profi-Karriere auch nicht gerne beendet! Wenn du dein Leben lang um die großen Titel des Handballs spielst, ist es einer der größten Momente überhaupt, diesen Pokal in den Händen zu halten. Es ist etwas ganz Besonderes, wie eine Goldmedaille bei Olympia.
Was macht diesen Pokal so besonders?
In Europa spielen die besten Mannschaften der Welt. In einem Finale der Champions League hat man es auf jeder Position mit Spielern zu tun, die die besten der Welt auf ihrer Position sind. Und auf der Bank wartet gleich noch mal dieselbe Klasse auf ihre Einsätze. Damit sind die Spiele in der Champions League natürlich sehr eng umkämpft. Es kommt auf jede einzelne Sekunde an und jede einzelne Aktion deiner ganzen Mannschaft, wenn man da als Sieger hervorgehen will. Man braucht diesen unbedingten Willen und den letzten Einsatz. Diese Spiele sind Grenzerfahrungen, die einen immer weiter bringen. Auch als Mannschaft.
Wo liegt der Unterschied zu Turnieren mit der Nationalmannschaft?
Bei einem Finale eines Welt-Turniers sind die Bedingungen und das Niveau ähnlich. Die Champions League spielt man aber mit der Vereinsmannschaft, mit den Jungs, die man jeden Tag sieht, und mit denen man auch gleichzeitig um andere Titel kämpft. Da geht man miteinander die ganze Saison lang durch Höhen und Tiefen, kritisiert einander, hilft einander, versucht in jeder Minute des Trainings, jedes Detail noch zu perfektionieren. Jeder spielt mit seiner Nationalmannschaft viele zusätzliche Turniere, aber der Verein ist immer die Hauptsache. Wenn man dann, wie wir mit dem THW Kiel 2007, am Ende der Saison nur noch eine Handvoll einsatzfähige Spieler haben, dann Meister werden, den deutschen Pokal holen und auch noch die Champions League gewinnen, ist das überhaupt nicht mehr zu überbieten.
Welche Vorteile hat der neue Spielmodus der EHF Champions League mit dem FINAL4 als Abschluss?
Für die Spieler ist es immer schwer, sich während der Saison immer wieder auf die parallel laufenden Wettbewerbe einzustellen. Es kommt oft vor, dass eine Mannschaft in der Champions League eine sensationelle Leistung abruft und drei Tage später in der Bundesliga nichts mehr zusammenläuft. Da muss man jetzt in den Zwischenrunden immer noch aufpassen, aber es gibt ein ganz großes und klares Ziel direkt nach der Saison, auf das man sich ganz neu konzentrieren kann – und muss. Denn in einem FINAL4 gibt es kein Taktieren mehr wie früher in den Hin- und Rückspielen. Im Final Four hast du 2 Spiele anstatt 4, und da muss alles passen.
Hat dies eine Bedeutung für die Attraktivität der Spiele?
Auf jeden Fall. Hier kann sich niemand verstecken und auf eine bessere Leistung im Rückspiel hoffen. Wer im FINAL4 einläuft weiß: Dies ist der Tag der Entscheidung! Die Halbfinals und Finals in der Champions League waren schon immer unglaublich dramatisch. Da wird das FINAL4 noch eine deutliche Steigerung bringen, auch für das Publikum.
Sie erwarten also auch atmosphärisch eine Steigerung?
Je nachdem, wo ein Finalspiel stattgefunden hat, konnte es immer schon eine super Atmosphäre sein, aber immer nur für eine Mannschaft und deren Fans. Jetzt spielen die Teams für alle Fans in der Halle und sicher auch noch viel mehr Zuschauern vor dem Fernseher als vorher. Daraus ergibt sich einfach eine andere Stimmung, das Ganze findet vor einer viel größeren Kulisse statt, und dadurch, dass alle für dieses Ereignis nach Köln kommen, hat das FINAL4 den Charakter eines Festivals. Das ist gut für den Handball, weil viel mehr Menschen das gesamte Erlebnis miteinander teilen können.
Sie haben schon in der LANXESS arena gespielt. Wie beschreiben Sie diese Erfahrung?
Wir hatten beim THW Kiel eine der größten Handball-Hallen in Deutschland und ein fantastisches Handball-Publikum. Die Kölner Arena hat aber eine ganz andere Dimension. Da schaut erstmal jeder Spieler zur Decke, wenn er hereinkommt. Diese Größenordnung ist schon etwas ganz Besonderes. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich an das FINAL4 denke. 20.000 Leute, Fans von 4 europäischen Vereinen … und alle wissen, dass an diesen zwei Tagen ein neues Kapitel der Handball-Geschichte geschrieben wird. Großartig!
Es wird also ein Festival, ein großes Event – wie wichtig ist dieser Aspekt?
Sehr wichtig. Es hat doch vorher kaum eine Gelegenheit gegeben, wo sich so viele internationale Fans treffen. Vorher fahren im Grunde alle mit ihren Bussen in verschiedene Richtungen. Jetzt kommen alle nach Köln und erleben gemeinsam eine Riesensache mit großem Rahmenprogramm. Das wird unvergesslich. Auf diese Weise fokussiert sich auch die Aufmerksamkeit der Medien viel stärker auf die Veranstaltung, als es bei dem alten Hin- und Rückspiel der Fall war. Ciudad Real, zum Beispiel, liegt fernab jeder Großstadt, und Kiel ist auch nicht der Nabel Deutschlands. Da erreicht die Champions League zwar ein begeistertes Publikum, aber es wird niemand anders die Atmosphäre erleben, weil niemand außer dem Stammpublikum die Chance hat, an ihr teilzunehmen.
Es gibt einige bekannte Favoriten – aber wer gewinnt diesmal?
Jede Mannschaft, die das Halbfinale erreicht, ist Spitze. Dennoch sind in einem FINAL4 die Rollen nicht so klar verteilt. Wer als vermeintlicher Außenseiter anreist, ist mitsamt seinem Anhang euphorisiert und will vor dieser Kulisse und den Augen der Handball-Welt ein Wunder wahr machen. Wer mit dieser Einstellung einen Favoriten auf dem falschen Fuß erwischt, kann in einem Spiel zum Helden werden. Das beflügelt, und hierin liegt auch ein großer Reiz des neuen Modus.

Stefan Lövgren
Der 1970 geborene Schwede spielte von 1999 bis 2009 beim THW Kiel in der zentralen Position des Spielmachers und Kapitäns, die er auch in der schwedischen Nationalmannschaft bekleidete. Lövgren besaß eine außerordentliche Spielerpersönlichkeit, technische Fähigkeiten und Spielübersicht – Eigenschaften, mit denen er zu den herausragenden und anerkanntesten Handballern aller Zeiten zählt. Besonders geschätzt wurde Lövgren von seinen Mitspielern stets auch wegen seiner Ausstrahlung abseits des Spielfelds. So wird Nikola Karabatic, der Welthandballer von 2007, mit der Aussage zitiert, Lövgren mache „aus Spielern ein Team“.
Stefan Lövgren erspielte schier unzählige Titel und Ehrungen. Unter anderem wurde er mit dem THW Kiel ein Mal Champions League Sieger, zwei Mal EHF-Pokalsieger, sieben Mal deutscher Meister und vier Mal deutscher Pokalsieger. Zuvor war er mit dem schwedischen Club Redbergslid Göteborg fünf Mal schwedischer Meister geworden. Die schwedische Nationalmannschaft führte er unter anderem zu einem Weltmeister- und 4 Europameister-Titeln. Heute arbeitet Stefan Lövgren in selbständiger Tätigkeit im Sport-Management.
Erfolge
Auf Vereinsebene:
• 5 schwedische Meistertitel mit Redbergslid Göteborg
• 3 x Schwedens Handballer der Saison (95/96; 00/01; 02/03)
• 7 deutsche Meistertitel
• 4 deutsche Pokaltitel
• 3 DHB-Supercup-Titel – 2005, 2007, 2008
• EHF Champions League Sieger 2007
• EHF Champions League Zweiter 2000, 2008 & 2009
• EHF Cup Sieger 2002, 2004
• EHF Champions Trophy Sieger 2007
Mit der Nationalmannschaft:
• Über 1100 Tore für Schweden in über 230 Spielen
• Bester Spieler der Weltmeisterschaften 1999 und 2001
• Im All-Star Team der Europameisterschaft 2002
• Im All-Star Team Olympia 2000
• Goldmedaillengewinner der Europameisterschaften 1994, 1998,2000 und 2002
• Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften: 1995 (Bronze), 1997 (Silber), 1999 (Gold)
und 2001 (Silber)
• Olympisches Silber: Atlanta (1996) und Sydney (2000)